806: Portugal – Deutschland 2:3

(Donnerstag, 19. Juni 2008)
Dank einer ausgeklügelten Taktik und einer herausragenden Mannschaftsleistung hat die deutsche Nationalmannschaft das Halbfinale der Europameisterschaft 2008 erreicht. Vor 40.000 Zuschauern im ausverkauften Baseler St. Jakob-Park wurde Titelaspirant Portugal verdient mit 3:2 (2:1) bezwungen.

Im 16. Duell seit 1936 kam Deutschland damit zum achten Sieg, bei fünf Unentschieden und drei Niederlagen. In Basel verlor die deutsche Elf erst zwei Begegnungen, spielte einmal remis und gewann zwölf Partien.

In der Begegnung gegen den hohen Favoriten machte das deutsche Trainer-Team aus der Not eine Tugend. Bundestrainer Löw, der wegen seines Platzverweises im Österreich-Spiel auf der Tribüne Platz nehmen musste und auf der Bank von seinem Assistenten Hans-Dieter Flick vertreten wurde, wich wegen der Verletzung von Stammspieler Torsten Frings (Rippenbruch) vom obligatorischen 4-4-2-System mit einer Mittelfeldraute ab.

Stattdessen verblüffte er die Portugiesen mit deren eigenem System, einem 4-2-3-1 mit zwei Spielern im zentralen defensiven Mittelfeld (Rolfes und Hitzlsperger). Ballack spielte diesmal offensiver und auf den Mittelfeld-Außenbahnen agierten Podolski und Schweinsteiger. Das brachte deutlich mehr Druck in die Angriffsaktionen und Unterstützung für die einzige Spitze, Klose.

Insbesondere Schweinsteiger brillierte mit dem besten Länderspiel seiner Karriere. Er war an allen drei Toren beteiligt. Zunächst schloss der Münchner eine Traumkombination über die linke Seite mit abschließender flacher Hereingabe von Podolski selbst zum 1:0 ab (22.), vier Minuten später fand seine präzise Freistoßflanke von der linken Seite den Kopf von Klose, der mit Glück (Schulter) zum 2:0 vollendete. Nach dem Anschlusstor der Portugiesen durch Nuno Gomes (40.) zirkelte Schweinsteiger erneut eine Freistoßflanke von links auf Ballack, der mit Wucht zum 3:1 einköpfte (61.). Davon erholten sich die Portugiesen nicht mehr, kamen durch Helder Postiga (87.) nur noch zu einem späten Anschlusstor.

Trotz aller taktischen Raffinesse, die diesem unerwarteten Triumph zu Grunde lag, war der Erfolg vor allem auf die fundamental veränderte Einstellung der Spieler zurückzuführen, die endlich Laufbereitschaft, Spielfreude und Siegeswillen auf den Platz mitbrachten. Angefangen vom absolut souveränen und fehlerfreien Torhüter Lehmann, bis hin zum stark verbesserten Klose, der allerdings noch weit von seiner WM-Form entfernt ist, steigerte sich die ganze Mannschaft gegenüber den Gruppenspielen um fast 100 Prozent.

In der Abwehr spielten die beiden Außenverteidiger Friedrich und Lahm eine sehr konzentrierte Partie, wobei vor allem bemerkenswert ist, dass Friedrich den Weltklassestürmer Cristiano Ronaldo fast vollständig aus der Partie nahm, auch aufgrund seiner ungewohnt zahlreichen Offensivvorstöße. Metzelder war besser als zuletzt, während einige Kommentatoren bei Mertesacker in einigen Szenen Stellungsfehler monierten. Demgegenüber gilt es allerdings festzuhalten, dass der 23-jährige Bremer bei Druck des Gegners absolut unverzichtbar ist und im Strafraum ungeheuer viele Situationen dank seiner Antizipationsfähigkeit umsichtig klärt. Es handelt sich also um Kritik auf sehr hohem Niveau.

In seinem 85. Länderspiel schwang sich Kapitän Ballack zum unumschränkten Teamleader auf, ging sehr weite Wege und scheute keinen Zweikampf. In dieser Form verkörpert er absolute Weltklasse. Gleiches gilt für den trickreichen Schweinsteiger, der hoffentlich seine Formschwankungen bald in den Griff bekommt. Podolski blüht ohnehin in der Nationalmannschaft regelrecht auf. Sein Direktschuss aus über 30 Metern Distanz in der 79. Minute strich nur um Zentimeter am Pfosten vorbei. Seine Schusstechnik wirkt tatsächlich bisweilen brasilianisch.

Im zentralen defensiven Mittelfeld erledigten Rolfes und Hitzlsperger ihre Aufgabe erstklassig. Das Sahnestück der portugiesischen Mannschaft, das offensive Mittelfeld mit Ronaldo, Deco und Simao fand in keiner Phase der Begegnung Gelegenheit, das gefürchtete schnelle Kurzpassspiel mit steilen Anspielen in die Spitze aufzuziehen. Aus Verzweiflung versuchte es der Favorit in der zweiten Hälfte fast ausschließlich mit unplatzierten Fernschüssen. Schon das allein spricht für das außergewöhnlich gute Defensivverhalten des deutschen Mittelfelds.

Portugal: Ricardo – Bosingwa, Ricardo Carvalho, Pepe, Paulo Ferreira – Petit (74. Helder Postiga), Joao Moutinho (31. Raul Meireles) – Deco – Simao, Cristiano Ronaldo – Nuno Gomes (67. Nani)
Deutschland: Lehmann – Friedrich, Mertesacker, Metzelder, Lahm – Rolfes, Hitzlsperger (73. Borowski) – Schweinsteiger (83. Fritz), Ballack, Podolski – Klose (89. Jansen)
Tore: 0:1 (22.) Schweinsteiger, 0:2 (26.) Klose, 1:2 (40.) Nuno Gomes, 1:3 (61.) Ballack, 2:3 (87.) Helder Postiga
Schiedsrichter: Peter Fröjdfeldt (Schweden)
Zuschauer: 40.000
Gelbe Karten: Petit, Pepe, Helder Postiga / Friedrich, Lahm

(tc)