807: Deutschland – Türkei 3:2

(Mittwoch, 25. Juni 2008)
Deutschland hat zum sechsten Mal nach 1972, 1976, 1980, 1992 und 1996 das Endspiel einer Fußball-Europameisterschaft erreicht. Im Halbfinale der EURO 2008 vor 40.000 Zuschauern im ausverkauften St. Jakob-Park in Basel kam die deutsche Mannschaft zu einem schmeichelhaften 3:2 (1:1)-Sieg über die Türkei. Das entscheidende Tor erzielte Philipp Lahm in der Schlussminute.

Es war im 18. Länderspiel gegen die Türkei seit 1951 der zwölfte Erfolg, bei drei Unentschieden und drei Niederlagen. Vorausgegangen waren allerdings drei sieglose Partien in Folge seit dem letzten Erfolg am 30. Mai 1992 (1:0 in Gelsenkirchen). Danach setzte es zwei Niederlagen und ein Unentschieden. In Basel verlor die deutsche Elf in den vergangenen 100 Jahren nur zwei von insgesamt 16 Begegnungen. Die allererste der Länderspiel-Geschichte gegen die Schweiz am 5. April 1908 (3:5) und das WM-Vorrundenspiel gegen Ungarn am 20. Juni 1954 (3:8).

Bundestrainer Löw vertraute der gleichen Mannschaft und dem gleichen System (4-2-3-1) wie gegen Portugal. Sein Kontrahent Fatih Terim musste hingegen gleich acht (!) Stammspieler ersetzen (Demirel, Turan, Asik und Sanli gesperrt, Belözoglu, Cetin, Güngör und Kahveci verletzt).

Trotz dieser günstigen Vorzeichen für das DFB-Team war von der Präsenz, der Dominanz und dem Siegeswillen aus dem Viertelfinale nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: die deutsche Elf wirkte mental und körperlich ausgebrannt. Vor allem das Mittelfeld war von der ersten Minute an völlig von der Rolle. Ballack machte eines seiner schwächsten Länderspiele, war kaum zu sehen und mied Zweikämpfe. Der zweite Führungsspieler, Frings, saß trotz eines weitgehend überstandenen Rippen-Anbruchs nur auf Bank. Damit fehlten dem Team beide "Leader" gleichzeitig – ein Manko, mit dem die DFB-Auswahl derzeit ganz offensichtlich nicht auf höchstem Niveau mithalten kann.

Dieser Umstand führte in der ersten Halbzeit zu chaotischen Verhältnissen im deutschen Mittelfeld. Rolfes und Hitzlsperger fanden gegen die Türken, die mit der kroatischen Spielanlage (4-1-4-1-System) überraschten, überhaupt nicht ins Spiel. Durch die fehlende Laufbereitschaft fast aller Spieler war die deutsche Abwehr gegen die frisch und frei auftrumpfende türkische Mannschaft hoffnungslos überlastet. Zudem leisteten sich vor allem die Außenverteidiger Friedrich und Lahm ungewohnte Schwächen im Stellungsspiel und im Zweikampf. Die Innenverteidigung schwamm oft bedenklich. Die Offensivspieler brachten keine Entlastung zustande.

So erspielten sich die Türken in diesem heillosen deutschen Durcheinander anfangs Torchancen in Hülle und Fülle. Kazim (7.) und Altintop (8.) scheiterten an Lehmann, Kazim (13.) traf die Latte. Als Kazim erneut die Latte anvisierte, staubte Boral (22.) zum hochverdienten 0:1-Führungstreffer ab. Doch praktisch aus dem Nichts konterte die deutsche Elf, das Bayern-Duo Podolski (Vorarbeit) und Schweinsteiger (Abschluss) sorgte mit dem einzigen guten Angriff der ersten 45 Minuten für den 1:1-Ausgleich. Anschließend ging's weiter mit dem munteren türkischen Scheibenschießen auf den bedauernswerten Lehmann.

Mit der Einwechslung von Frings für Rolfes zu Beginn der zweiten Halbzeit wurde zwar das deutsche Spiel insgesamt nicht wesentlich besser, doch das Mittelfeld agierte nun deutlicher geordneter und vor allem mit dem lange vermissten Zweikampf-Biss. Die Türken konnten sich nun nicht mehr so unbehelligt in Richtung deutschen Strafraum bewegen wie zuvor, beherrschten allerdings weiterhin das Geschehen nach Belieben. Oft schien es, als hätten die "Roten" drei Spieler mehr auf dem Platz. Torchancen blieben in dem zunehmend verbisseneren Kampfspiel Mangelware. Warum Schiedsrichter Busacca allerdings nach einem klaren Foul von Sarioglu an Lahm (52.) nicht auf Elfmeter entschied, wird wohl für ewig sein Geheimnis bleiben. Zum Glück ahndete er auf der anderen Seite ein Trikotzupfen von Lahm an Kazim ebenfalls nicht.

Ein unerklärlicher Aussetzer von Torhüter Rüstü Recber läutete schließlich die dramatische Schlussphase ein. Der türkische Keeper irrte nach einer harmlosen weiten Flanke von Lahm durch seinen Strafraum, so dass der wiederum sehr blasse Klose ungehindert zum 2:1 ins leere Tor köpfen konnte (79.). Doch die Türkei konterte: Sarioglu ließ Lahm im Zweikampf wieder einmal ganz alt aussehen und seine Hereingabe spitzelte Sentürk zum 2:2 über die Linie (86.).

Für den nicht mehr erwarteten Höhepunkt aus deutscher Sicht sorgte schließlich ausgerechnet der über weite Strecken sehr unglücklich agierende Lahm. Die zweite gute Kombination des gesamten Spiels vollendete der Münchner, nach präzisem Zuspiel von Hitzlsperger, gekonnt zum 3:2-Siegtreffer.

Resümierend gilt es festzuhalten, dass der deutsche Sieg äußerst glücklich war. Zu loben ist einzig die optimale Chancenauswertung. Freilich geraten solche Spiele erfahrungsgemäß rasch in Vergessenheit. Sie taugen in Wirklichkeit nur zu einem Zweck: sie dürfen der späteren Legendenbildung nicht im Wege stehen. Doch damit es überhaupt so weit kommt, bedarf es im Finale (mal wieder) einer Leistungssteigerung um 100 Prozent.

Statistisches: Miroslav Klose absolvierte sein 80. Länderspiel, Jens Lehmann und Arne Friedrich trugen zum 60. Mal den DFB-Dress. Michael Ballack schloss mit seinem 86. Einsatz zu Oliver Kahn und Andreas Brehme auf und schaffte damit den Sprung in die "Top 10" der DFB-Länderspielrekordler. Vor ihm rangieren nur noch Lothar Matthäus (150), Jürgen Klinsmann (108), Jürgen Kohler (105), Franz Beckenbauer (103), Thomas Häßler (101), Berti Vogts (96), Karl-Heinz Rummenigge (95), Sepp Maier (95) und Rudi Völler (90).

Deutschland: Lehmann – Friedrich, Mertesacker, Metzelder, Lahm – Rolfes (46. Frings), Hitzlsperger – Schweinsteiger, Ballack, Podolski – Klose (90.+2 Jansen)
Türkei: Recber – Sarioglu, Zan, Topal, Balta – Aurelio – Kazim (90.+2 Metin), Hamit Altintop, Akman (81. Erdinc), Boral (85. Karadeniz) – Sentürk
Tore: 0:1 (22.) Boral, 1:1 (26.) Schweinsteiger, 2:1 (79.) Klose, 2:2 (86.) Sentürk, 3:2 (90.) Lahm
Schiedsrichter: Massimo Busacca (Schweiz)
Zuschauer: 40.000
Gelbe Karten: – / Sentürk, Sarioglu

History

Was passierte in der Vergangenheit am 25. Juni?
25.06.2005 Nürnberg: Deutschland – Brasilien 2:3 (Confederations Cup)
25.06.2002 Seoul: Deutschland – Südkorea 1:0 (WM-Halbfinale)
25.06.1998 Montpellier: Deutschland – Iran 2:0 (WM-Vorrunde)25.06.1986 Guadalajara: Deutschland – Frankreich 2:0 (WM-Halbfinale)
25.06.1982 Gijon: Deutschland – Österreich 1:0 (WM-Vorrunde)
25.06.1939 Kopenhagen: Dänemark – Deutschland 0:2 (Freundschaftsspiel)
25.06.1937 Riga: Lettland – Deutschland 1:3 (Freundschaftsspiel)

(tc)