811: Finnland – Deutschland 3:3

(Mittwoch, 10. September 2008)
In einem mitreißenden und zeitweise hochklassigen Spiel trennten sich Finnland und Deutschland vor 38.000 Zuschauern im Olympiastadion von Helsinki mit 3:3 (2:2). Dabei stand die deutsche Nationalmannschaft dicht vor der ersten Auswärtsniederlage in einem WM-Qualifikationsspiel.

Zum dritten Mal hintereinander schickte Bundestrainer Joachim Löw die gleiche Anfangsformation aufs Feld. Doch diesmal zahlte die junge und unerfahrene Mannschaft bitteres Lehrgeld. Vor allem das Defensivverhalten des Teams genügte nicht höheren Ansprüchen.

Finnland bestätigte seinen seit Jahren anhaltenden Aufwärtstrend. Die Skandinavier beschränken sich nicht mehr, wie in früheren Jahren, auf ein kompaktes Abwehrbollwerk, sondern haben sich auch spielerisch stark verbessert. Basierend auf einer perfekten Raumaufteilung starteten die Gastgeber immer wieder blitzschnelle Konter über die Flügel (Johansson, Kolkka), die die deutsche Hintermannschaft von einer Verlegenheit in die andere stürzten. Da aber auch die DFB-Elf kompromisslos den Weg nach vorn suchte, entwickelte sich ein höchst unterhaltsames Match, das ab der 30. Minute richtig Fahrt aufnahm.

Dreimal gingen die Finnen in Führung. Beim ersten Tor sah Westermann schlecht aus, als er Johansson mit einer missglückten Kopfballabwehr in freie Schussposition brachte (32.). Beim 2:1 (43.) ging der Schalker nach einer Sjölund-Flanke nicht energisch genug in den Zweikampf mit Väyrynen und beim dritten Treffer (53.) "schlief" nach einer kurz ausgeführten Ecke die gesamte Abwehr, so dass bei der scharfen Flanke von Väyrynen plötzlich drei finnische Spieler mutterseelenallein vor Torhüter Enke auftauchten. Sjölund köpfte mühelos ein.

Dem finnischen Offensivwirbel hatte Deutschland vor allem zwei Spieler entgegen zu setzen: Piotr Trochowski und Miroslav Klose. Trochowski spielte eine überragende erste Halbzeit und eine gute zweite. Der zuletzt häufig kritisierte und außer Form spielende Kapitän Klose schwang sich zum Teamleader auf. Zwar vergab der Münchner unmittelbar vor dem 1:0 (31.) eine 100-prozentige Kopfballchance, doch in der 38. Minute verwertete er ein präzises Zuspiel von Trochowski zum 1:1. Dabei ließ er den erfahrenen Hyypiä im Zweikampf ziemlich schlecht aussehen. Unmittelbar vor dem Pausenpfiff staubte Klose zum 2:2 ab, nachdem Keeper Jääskeläinen zuvor seinen Kopfball nach Hitzlsperger-Ecke zu kurz abgewehrt hatte.

Nach dem 3:2-Rückstand startete die deutsche Mannschaft in der letzten halben Stunde einen wahren Sturmlauf auf das finnische Tor, lief dabei aber stets Gefahr, von einem Konter der Hausherren ausgeknockt zu werden. Löw ging volles Risiko und nahm sein defensives Mittelfeld (Rolfes und Hitzlsperger, die beide bislang ungewohnte Schwächen in Zweikampf und Raumaufteilung offenbarten) heraus. Beim Schlusspfiff standen mit Klose, dem diesmal gänzlich wirkungslosen Podolski, Gomez und Helmes vier Stürmer auf dem Feld.

Es spielten sich im finnischen Strafraum turbulente Szenen ab. Als Gomez in der 78. Minute nach Klose-Kopfballvorlage wegrutschte und den Ball aus einem Meter Entfernung nicht im Gehäuse unterbrachte, drohte die erste Auswärtsniederlage einer deutschen Nationalmannschaft in der Geschichte der WM-Qualifikation. Erst mit brachialer Wucht schaffte schließlich erneut Klose den 3:3-Ausgleich (83.), nachdem zuvor Trochowski und Gomez gescheitert waren.

Positiv hervorzuheben in dieser bemerkenswerten Partie ist die offensive Ausrichtung der DFB-Auswahl und ihre Fähigkeit, Rückschläge zu verkraften. Vor allem aber ihr unbedingter Wille, das Spiel nicht zu verlieren. Zweifelhaft ist, ob die unerfahrene Defensive (Innenverteidigung und zentrales Mittelfeld) in dieser Zusammensetzung alsbald noch anspruchsvolleren Aufgaben gewachsen sein wird.

Finnland: Jääskeläinen – Lampi, Pasanen, Hyypiä, Kallio – Johansson, R. Eremenko, Väyrynen (75. Kuqi), Heikkinen, Kolkka – Forssell (41. Sjölund)
Deutschland: Enke – Fritz (82. Hinkel), Tasci, Westermann, Lahm – Schweinsteiger, Rolfes (82. Helmes), Hitzlsperger (69. Gomez), Trochowski – Klose, Podolski
Tore: 1:0 (32.) Johansson, 1:1 (38.) Klose, 2:1 (43.) Väyrynen, 2:2 (45.) Klose, 3:2 (53.) Sjölund, 3:3 (83.) Klose
Schiedsrichter: Viktor Kassai (Ungarn)
Zuschauer: 38.000
Gelbe Karten: Kallio / –

STATISTIK:
– Die einzige Niederlage gegen Finnland liegt 85 Jahre zurück (1:2 am 12. August 1923 in einem Freundschaftsspiel in Dresden). Darüber hinaus gab es in den übrigen 21 Begegnungen seit 1921 16 Siege und fünf Unentschieden. In Helsinki blieb die DFB-Auswahl auch im neunten Auftritt unbesiegt (sechs Siege, drei Unentschieden).
– Finnland ist zum vierten Mal Gegner der deutschen Nationalelf in einer WM-Qualifikation (nach 1938, 1990 und 2002).
– Andreas Hinkel (Celtic Glasgow) feierte nach drei Jahren sein Comeback im Nationaldress und absolvierte sein 18. Länderspiel. Der frühere Stuttgarter war letztmals bei der 0:2-Niederlage am 5. September 2005 in Bratislava gegen die Slowakei zum Einsatz gekommen.
– Philipp Lahm von Bayern München absolvierte sein 50. Länderspiel, Simon Rolfes (Bayer Leverkusen) und Piotr Trochowski (Hamburger SV) trugen zum 15. Mal das Trikot der A-Nationalmannschaft.
– In der ewigen DFB-Torschützenliste überholte Miroslav Klose mit seinen Länderspieltoren 42 bis 44 Uwe Seeler (43) und liegt nun auf Platz fünf. Vor ihm rangieren nur noch Gerd Müller (68), Jürgen Klinsmann und Rudi Völler (je 47) sowie Karl-Heinz Rummenigge (45).