812: Deutschland – Russland 2:1

(Samstag, 11. Oktober 2008)
Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat ein wichtiges Etappenziel auf dem Weg zur Weltmeisterschafts-Endrunde 2010 erreicht. Vor 65.000 Zuschauern im ausverkauften Dortmunder Signal- Iduna-Park besiegte die DFB-Elf den schärfsten Rivalen um den Qualifikations-Gruppensieg, Russland, nach starker Leistung mit 2:1 (2:0).

Bis auf Torhüter Robert Enke (Handbruch in der Vorbereitung), Christoph Metzelder (formschwach) und Marcell Jansen (verletzt) konnte Bundestrainer Joachim Löw auf alle Stammspieler zurückgreifen. Er verzichtete in der Startformation freiwillig auf den Bremer Routinier Torsten Frings zugunsten des Stuttgarters Thomas Hitzlsperger. Russlands Coach Guus Hiddink musste dagegen mit Abwehrchef Denis Kolodin und Stürmerstar Roman Pavlyuchenko von Tottenham Hotspur zwei wichtige Leistungsträger ersetzen.

Im Dortmunder "Hexenkessel" standen sich an einem herrlich lauen Herbstabend zwei exzellente Fußball -Mannschaften gegenüber, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Auf der einen Seite die Russen mit ihren herausragenden Stärken Technik, Kombinationssicherheit, Leichtfüßigkeit und Spielwitz. Auf der anderen Seite eine deutsche Auswahl, die sich voll und ganz auf ihre WM-2006-Tugenden besann: Willenskraft, Disziplin, Entschlossenheit und Zweikampfstärke.

Kurz gesagt: perfekte Voraussetzungen für einen unvergesslichen Fußballabend. Und genau so kam es.

Wahrscheinlich wäre das Match ganz anders verlaufen, hätte Pogrebnyak (4.) die erste russische Großchance genutzt. Doch der lange Mittelstürmer aus Leningrad bekam das halbhohe Zuspiel von Zhirkov, der in der Anfangsviertelstunde den deutschen Rechtsverteidiger Friedrich mehrmals schlecht aussehen ließ, nicht unter Kontrolle und bugsierte das Leder über das Tor des deutschen Debütanten Rene Adler. Was bis zur Pause folgte, war die beste Leistung einer deutschen Nationalmannschaft seit vielen Jahren. Aufbauend auf einer bemerkenswerten Zweikampf-Dominanz im Mittelfeld, allen voran Schweinsteiger und Ballack, klappte auch das sonst eher kümmerliche Spiel in die Spitze gegen die gewiss nicht schlechte Gästeelf hervorragend.

Es machte Spaß, den Kombinationen zuzusehen. Zunächst rettete Akinfeev noch gegen Ballacks Direktschuss (8.), doch eine Minute später hieß es 1:0: Podolski setzte sich im Zweikampf gegen Berezutskiy nach kurzem Klose-Pass beherzt durch und schloss gewohnt sicher aus acht Metern ab. In der 28. Minute führte eine herrliche Kombination über Trochowski und Schweinsteiger zu Ballack, der aus Nahdistanz den Ball zum 2:0 über die Linie drückte.

In der Folge konnte die russische Mannschaft froh sein, nicht wesentlich höher in Rückstand geraten zu sein. Trochowski, Hitzlsperger und zwei Mal der kaum zu kontrolliende Podolski verpassten nur knapp das durchaus mögliche 3:0 oder 4:0. Spielerisch eine für deutsche Maßstäbe äußerst bemerkenswerte Vorstellung.

Das alles änderte sich schlagartig mit dem Anpfiff zur zweiten Hälfte. Plötzlich war alles wie weggeblasen: Konzentration, Mut und spielerische Linie. Einen gravierenden Stockfehler von Lahm auf der linken Seite nutzte Anyukov, dessen Hereingabe Kapitän Arshavin zum Anschlusstor einnetzte (51.). Aus Angst vor der eigenen Courage verfiel die DFB-Elf in die altbekannten Fehler: das offensive Mittelfeld wurde komplett preisgegeben und Flügelspiel fand überhaupt nicht mehr statt. Folge: keine eigenen Torchancen und eine hoffnungslose Überlastung der Defensive.

Russland hatte nun mehrfach die Gelegenheit zum Ausgleich. Der überzeugende Torwart-Debütant Adler rettete nach Schweinsteiger-Patzer gegen Semak (55.). In der 80. Minute schlenzte Arshavin nach tollem Solo haarscharf am Tor vorbei und in der 87. Minute traf Dzagoev nach beherztem Einsatz gegen den gestolperten Mertesacker nur den Innenpfosten. Einzig Trochowski unterbrach mit einem Fernschuss an die Latte (62.) kurz den russischen Dauerdruck, der allerdings nicht mehr mit einem weiteren Treffer belohnt wurde.

Die deutsche Elf beeindruckte insgesamt mit einer starken Mannschaftsleistung, aus der kein Spieler herauszuheben ist. Ebensowenig gab es diesmal einen Ausfall, alle Mannschaftsteile harmonierten gut. Das nötige Quäntchen Glück erarbeitete sich das Team hart. Anders wäre dieser Weltklasse-Gegner wohl auch kaum zu bezwingen gewesen.

Deutschland: Adler – Friedrich, Mertesacker, Westermann, Lahm – Schweinsteiger, Hitzlsperger (90.+3 Rolfes), Ballack, Trochowski (83. Frings) – Klose (71. Gomez), Podolski
Russland: Akinfeev – Anyukov, V. Berezutskiy, Ignashevich, Zhirkov – Zyryanov, Semak (84. Sychev), Yanbaev (46. Dzagoev) – Denisov, Arshavin – Pogrebnyak
Tore: 1:0 (9.) Podolski, 2:0 (28.) Ballack, 2:1 (51.) Arshavin
Schiedsrichter: Peter Fröjdfeldt (Schweden)
Zuschauer: 65.000
Gelbe Karten: – / Zyryanov, V. Berezutskiy

STATISTIK:

  • – Es war das sechste Länderspiel gegen Russland seit 1912 (vier Siege, zwei Unentschieden). Dazu eine Randbemerkung: Bei der EM 1992 firmierte die Auswahl der ehemaligen UdSSR offiziell als GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten). Das 1:1 am 12. Juni 1992 in Norrköping wurde also, um völlig korrekt zu sein, gegen die GUS erzielt.
  • – Gegen die frühere Sowjetunion trug die DFB-Auswahl zwischen 1955 und 1991 zwölf Begegnungen aus (neun Siege, drei Niederlagen). Die letzte Niederlage gab es vor 23 Jahren in Moskau (0:1 am 28. August 1985).
  • – Gegen Russland feierte die deutsche Nationalmannschaft am 1. Juli 1912 bei den Olympischen Spielen in Stockholm mit 16:0 den höchsten Länderspielsieg ihrer Geschichte. Zehn Treffer erzielte in diesem Match Gottfried Fuchs vom Karlsruher FV. Auch das ist bis heute unübertroffene DFB-Bestmarke.
  • – Im 16. Länderspiel in Dortmund seit 1935 gab es den 14. deutschen Sieg (ein Unentschieden, eine Niederlage). Die einzige Niederlage resultiert aus dem WM-Halbfinale gegen Italien (0:2 n.V.) am 4. Juli 2006.
  • – Miroslav Klose absolvierte seit 85. Länderspiel, Bastian Schweinsteiger kam zu seinem 60. Einsatz und Per Mertesacker trug zum 50. Mal das Trikot mit dem Adler auf der Brust.
  • – Debütant Rene Adler von Bayer Leverkusen ist der 860. Nationalspieler der deutschen Länderspielgeschichte.

(tc)