817: Wales – Deutschland 0:2

(Mittwoch, 1. April 2009)
Auf dem Weg zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 hat die deutsche Nationalmannschaft einen wertvollen Teilerfolg errungen. Im mit 26.000 Zuschauern nur zu einem Drittel gefüllten Millennium-Stadion in Cardiff besiegte die DFB-Auswahl Gastgeber Wales mit 2:0 (1:0).

Für den erkrankten Marcell Jansen rückte Simon Rolfes in die Startelf, so dass Bundestrainer Löw der im EM-Viertelfinale gegen Portugal erfolgreich praktizierten "Doppel-Sechs" (Hitzlsperger/Rolfes) im Mittelfeld vertraute. Podolski besetzte die linke Mittelfeldseite.

Deutschland erwischte, wie schon vier Tage zuvor gegen Liechtenstein, einen Start nach Maß. Ein gewaltiger 30-Meter-Hammer von Ballack ließ dem walisischen Keeper Hennessey keine Abwehrchance. In der TV-Zeitlupe schön zu erkennen: der Ball hatte keine Rotation, konnte so seine maximale Beschleunigung entfalten – das deutlichste Merkmal eines perfekt gelungenen Fernschusses.

Es entwickelte sich die erwartete Partie auf spielerisch bescheidenem Niveau. Den durchaus vorhandenen Unterhaltungswert bezog das Spiel vor allem aus der hohen physischen Intensität beider Mannschaften. Wales, ohne den verletzten Starstürmer Craig Bellamy, war auf Wiedergutmachung für die vor vier Tagen erlittene Hemschlappe gegen Finnland aus und ging entsprechend beherzt zur Sache.

Chancen für Wales ergaben sich vor allem, weil die deutsche Abwehr zwei gravierende Schwachstellen aufwies. Andreas Beck hatte die rechte Seite in diesem temporeichen Match nicht ausreichend unter Kontrolle, der beste Waliser, Gareth Bale (der nebenbei auch noch Schweinsteiger fast komplett aus dem Spiel nahm), stellte den jungen Hoffenheimer oft vor große Probleme.

Noch schlimmer ging es in der Innenverteidigung zu, wo Per Mertesacker fast über sich hinauswachsen musste. Denn sein Nebenmann Serdar Tasci hatte einen Tag, erwischt, an dem man definitiv besser im Bett bleibt. Abspielfehler, Stellungsfehler und verlorene Zweikämpfe reihten sich bei dem sonst so zuverlässigen Stuttgarter 60 Minuten lang nahtlos aneinander. Glück um Unglück: nach einem Ausrutscher Tascis, mit anschließendem Hand- und Foulspiel, entschied Schiedsrichter Hauge nicht auf Elfmeter (27.). Ein ähnliche Leistung kostete übrigens Manuel Friedrich vor 14 Monaten in Österreich die Länderspiel-Karriere.

Zum Glück hatte Torhüter Robert Enke einen "Schokoladen-Tag" erwischt. Der sehr konzentrierte Hannoveraner rettete sein Team mit zwei phänomenalen Reflexen gegen Vokes (21.) und Earnshaw (57.) vor fast sicheren Gegentoren.

Entschieden war die Partie in der 48. Minute. Der überaus fleißige Gomez, vor vier Tagen vom eigenen Publikum in Leipzig ausgepfiffen, erkämpfte sich an der rechten Strafraumgrenze den Ball und seine scharfe Hereingabe spitzelte Ashley Williams aus kurzer Distanz ins eigene Netz. Pech für die Gastgeber, zumal weit und breit kein deutschen Angreifer in der Nähe war. In der letzten halben Stunde "verwaltete" die deutsche Elf die Führung un die daraus resultierenden drei Punkte.

Im deutschen Mittelfeld spielte Rolfes eine überragende erste und eine gute zweite Halbzeit. Hitzlsperger kam erst spät richtig in Tritt, während Ballack wie gewohnt läuferisch vorbildlich agierte. Der deutsche Kapitän, auch das ist als Entwicklung unübersehbar, kommt allerdings zusehends dann in Schwierigkeiten, wenn er den Bal nicht kontrollieren kann und rasch Druck auf ihn ausgeübt wird. Schweinsteiger und Podolski blieben sehr blass und konnten dem Offensivspiel keine nennenswerten Impulse geben.

Was auffällig ist: in der gesamten "Moderner-Fußball-Debatte" (schnelles, laufintensives, Kurzpass-Spiel) bleiben offensichtlich spieltaktische Facetten auf der Strecke, die dazu beigetragen haben, den deutschen Fußball in den vergangenen Jahrzehnten so erfolgreich zu machen.
Beispiel 1: Flügelspiel
Es gibt momentan keinen deutschen Außenbahn-Spieler, der aus vollem Lauf präzise Flanken in den Strafraum schlagen kann. Höchstens Jansen, aber auch der praktiziert es selten. So können die deutschen Spitzen (Klose, Ballack, Gomez) eine ihrer größten Stärken, das Kopfballspiel, selten zur Geltung bringen.
Beispiel 2: Steilpässe
Kaum einer in der deutschen Nationalmannschaft traut sich noch, einen Steilpass zu spielen. Die Spieler scheuen offenbar das Risiko. Warum eigentlich? Einzig Hitzlsperger rutscht gelegentlich ein weiter Pass in den freien Raum heraus, der meist auch sofort für Gefahr sorgt. Steilpässe, und die sich daraus ergebenden Räume für die Stürmer, waren lange Jahre eine Trumpfkarte des deutschen Fußballs.

Kurz gesagt, es fehlt dem deutschen Spiel oft an Esprit und Tempowechseln. Denn ob "modern" oder nicht: mit der zuletzt praktizierten Spielweise (pausenloses Kurzpass-Geschiebe ohne Zug in die Spitze) ist die Mannschaft extrem leicht auszurechnen.

Wales: Hennessey – Collins, Williams, Nyatanga (75. Cotterill), Bale – Ricketts (53. Gunter), Davies, Ledley, Ramsey – Earnshaw, Vokes (62. Evans)
Deutschland: Enke – Beck, Mertesacker, Tasci, Lahm – Schweinsteiger (86. Helmes), Rolfes (79. Westermann), Ballack, Hitzlsperger, Podolski (72. Trochowski) – Gomez
Tore: 0:1 (11.) Ballack, 0:2 (48.) Williams (Eigentor)
Schiedsrichter: Terje Hauge (Norwegen)
Zuschauer: 26.000
Gelbe Karten: – / Rolfes

STATISTIK:

  • – Deutschland traf zum 17. Mal in einem Länderspiel auf Wales. Die Bilanz seit 1968: neun Siege, sechs Unentschieden, zwei Niederlagen.
  • – Zum 8. Mal spielte die deutsche Elf in Cardiff (vier Siege, zwei Unentschieden, zwei Niederlagen). Die letzte Niederlage gab es vor sieben Jahren, am 14. Mai 2002, in Cardiff mit 0:1.
  • – Bastian Schweinsteiger (24) erreichte als jüngster deutscher Spieler aller Zeiten die Marke von 65 Länderspielen.
  • – Die DFB-Auswahl baute ihren einzigartigen Weltrekord aus: fast auf den Tag genau seit 75 Jahren (seit dem ersten Match am 11. März 1934 in Luxemburg) ist die deutsche Nationalmannschaft in allen WM-Qualifikations-Auswärtsspielen ungeschlagen (35 Spiele, 25 Siege, zehn Unentschieden).
  • – Frühere Länderspiele am 1. April:
    460 01.04.1981 Tirana Albanien – Deutschland 0:2 (WM-Qualifikation)
    439 01.04.1979 Izmir Türkei – Deutschland 0:0 (EM-Qualifikation)

(tc)