829: Deutschland – Bosnien-Herzegowina 3:1

(Donnerstag, 3. Juni 2010)

Im letzten Testspiel vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika besiegte die deutsche Nationalmannschaft in Frankfurt die Auswahl von Bosnien-Herzegowina mit 3:1 (0:1). Vor 48.000 Zuschauern in der Commerzbank-Arena markierten Lahm und zweimal Schweinsteiger die Treffer.

Zehn Tage vor dem ersten WM-Vorrundenspiel der deutschen Mannschaft in Südafrika gegen Australien ließ Bundestrainer Joachim Löw seine vermeintlich erste Wahl auflaufen. Nach sehr nervösem Beginn ließ Podolski mit einem Lattenkracher (9.) Hoffnung aufkeimen. Doch Bosnien-Herzegowina, das in der WM-Qualifikation erst in den Relegationsspielen an Portugal gescheitert war, war zu Beginn die spielerisch stärkere Mannschaft. Nach 15 Minuten schoss Lahm unglücklich Dzeko an und von dessen Oberkörper prallte der Ball zur 0:1-Führung der Gäste in die Maschen.

Das Tor wirkte wie ein Weckruf für die deutsche Elf, die sich durch Özil (22.) und Khedira (24.) große Ausgleichsgelegenheiten erarbeitete, aber beide Chancen unkonzentriert liegen ließ. Die DFB-Auswahl war sehr bemüht, funktionierte im zweiten Abschnitt der ersten Halbzeit teilweise gut, fand aber mit ihrem defensiven 4-2-3-1 System kein Angriffsrezept gegen die sichere bosnische Abwehr um Kapitän Spahic. Zumal das deutsche Team mit Trochowski und Klose, die meilenweit von einer WM-Form entfernt sind, zwei Ausfälle verkraften musste.

Das änderte sich nach der Pause, als Müller und Cacau deren Plätze einnahmen. Jetzt kam deutlich mehr Dynamik ins deutsche Spiel und vor allem mehr Zug zum Tor, der über weite Strecken des ersten Durchgangs schmerzlich vermisst wurde. Nach hervorragendem kämpferischen Einsatz von Cacau, der in eine Balleroberung mündete, setzte Lahm zu einem Sololauf an, den der neue Team-Kapitän mit einem präzisen 18-Meter-Schuss in den Torwinkel zum 1:1 abschloss (50.).

Gegen einen jetzt kräftemäßig rapide abbauenden Gegner erspielte sich die entschlossene und siegeswillige deutsche Manschaft eine Reihe von Chancen, immer wieder initiiert von Schweinsteiger, Özil, Cacau und Müller. Nach einem ebenso schönen wie selten zu sehenden Doppelpass zwischen Özil und Cacau stand der Bremer allein vor dem Gästetor, traf jedoch nur die Lattenunterkante (52.). Einen Fernschuss von Özil entschärfte Torhüter Hasagic (55.). Für den entscheidenden Impuls sorgte schließlich der eingewechselte Marin, dessen Tempodribbling in den Strafraum Jahic nur noch mit einem Foul stoppen konnte. Da Podolski bereits ausgewechselt war, verwandelte Schweinsteiger den fälligen Elfmeter sicher (73.). Vier Minuten später holte Spahic Müller von den Beinen und auch beim zweiten Elfmeter zeigte Schweinsteiger keine Nerven (77.). Bei diesem 3:1 blieb es.

An der Defensiv-Formation wird sich bis zur WM vermutlich nicht mehr viel ändern. Neuer ist Keeper Nummer eins. Lahm (rechts) und Badstuber (links) besetzen die Außenbahnen. An der Innenverteidigung mit Mertesacker und Friedrich führt nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Westermann praktisch kein Weg mehr vorbei.

Das defensive Mittelfeld mit Khedira und Schweinsteiger funktionierte über weite Strecken gut, wobei Khedira mit seiner Laufstärke in der ersten Halbzeit die Akzente setzte. Schweinsteiger ist nach Ballacks Fehlen der klare Chef auf dem Spielfeld, was mehr als 120 Ballkontakte deutlich unterstreichen. Auch Özil, der physisch so stark wie lange nicht auftrumpfte, sowie der agile Podolski auf der linken Seite haben ihre Plätze in der Stammelf sicher. Müller nutzte seine Chance in der zweiten Halbzeit, auch er macht körperlich einen glänzenden Eindruck.

Im Sturm ist Cacau nicht zu verdrängen. Der Stuttgarter ist der einzige Stürmer, der momentan WM-Form anbietet. Klose und Gomez brauchen anscheinend einen Sturmpartner neben sich, sind eher Alternativen für ein 4-4-2 System.

Insgesamt ein sehenswertes Match mit einer engagierten deutschen Mannschaft, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten für die WM gerüstet scheint. Zumindest hinterließ sie konditionell einen guten Eindruck. Das leidige Problem: das Team tut sich schwer, einen Gegner unter Druck zu setzen. In diesem Zusammenhang wirkt sich negativ aus, dass Elemente wie Flügelspiel, Flanken, Steilpässe oder Doppelpässe fast völlig aus dem Repertoire der Nationalmannschaft verschwunden sind. Auch nach Standards (Eckbällen und Freistößen) ist das Team beängstigend ungefährlich.

Deutschland: Neuer – Lahm, Mertesacker, Friedrich (87. Tasci), Badstuber – Schweinsteiger (87. Kroos), Khedira – Trochowski (46. Müller), Özil (81. Gomez), Podolski (70. Marin) – Klose (46. Cacau)

Bosnien-Herzegowina: Hasagic – Mravac (45. Ibricic), Nadarevic, Spahic, Jahic – Rahimic, Salihovic (78. Berberovic) – Pjanic, Ibisevic (74. Zec), Misimovic (81. Muslimovic) – Dzeko

Tore: 0:1 (15.) Dzeko, 1:1 (50.) Lahm, 2:1 (73.) Schweinsteiger (Foulelfmeter), 2:1 (77.) Schweinsteiger (Foulelfmeter)

Schiedsrichter: Nicola Rizzoli (Italien)

Zuschauer: 48.000

Gelbe Karten: – / Spahic

STATISTIK:

  • Deutschland und Bosnien-Herzegowina standen sich zum zweiten Mal in einem Länderspiel gegenüber. Die erste Parte endete am 11. Oktober 2002 in Sarajevo 1:1.
  • Zum 22. Mal trug die deutsche Nationalmannschaft ein Länderspiel in Frankfurt am Main aus. Die Bilanz: 14 Siege, sechs Unentschieden, zwei Niederlagen. Zuletzt verlor die Nationalelf in der Heimatstadt des DFB vor 54 Jahren (1:3 gegen die Schweiz am 21. November 1956). Seit 15 Spielen ist sie in Frankfurt ungeschlagen.
  • Kapitän Philipp Lahm absolvierte sein 65. Länderspiel, sein 50. für Bayern München.
  • Mesut Özil trug zum 10. Mal das Trikot der A-Nationalmannschaft.
  • Frühere Länderspiele am 3. Juni:
    03.06.2000 in Nürnberg: Deutschland – Tschechien 3:2 (Freundschaftsspiel)
    03.06.1970 in Leon: Marokko – Deutschland 1:2 (WM-Vorrunde)
    03.06.1962 in Santiago: Schweiz – Deutschland 1:2 (WM-Vorrunde)
    03.06.1934 in Rom: Deutschland – Tschechoslowakei 1:3 (WM-Halbfinale)
    03.06.1928 in Amsterdam: Deutschland – Uruguay 1:4 (Olympische Spiele)
    03.06.1923 in Basel: Schweiz – Deutschland 1:2 (Freundschaftsspiel)

(tc)