863: Deutschland – Italien 1:2

(Donnerstag, 28. Juni 2012)
Deutschland ist im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft 2012 ausgeschieden. Vor 56.000 Zuschauern im Nationalstadion von Warschau unterlag die DFB-Auswahl ihrem “Angstgegner” Italien hochverdient mit 1:2 (0:2). Für Deutschland war es die achte Niederlage im achten Pflichtspiel gegen die Squadra azzurra.

Vor dem Spiel sorgte Bundestrainer Löw mit ungewöhnlichen Personalentscheidungen für großes Erstaunen in der Fachwelt. Mit Kroos brachte er einen dritten defensiven Mittelfeldspieler. Außerdem ließ er alle kreativen Flügelstürmer (Reus, Müller, Schürrle, Götze) auf der Bank. Im Sturmzentrum löste Gomez Klose ab. Löw vertraute stattdessen auf seine seit Wochen extrem formschwachen Stammspieler Schweinsteiger und Podolski. Ein gravierender taktischer Fehler, der sich rasch bitter rächen sollte.

Denn nur in der Anfangsviertelstunde spielte die deutsche Mannschaft ordentlich mit, hatte durch Hummels (5.), dessen Schuss Pirlo auf der Linie abwehrte, ein Fast-Eigentor durch Barzagli nach scharfer Boateng-Hereingabe (12.) und einen Fernschuss von Kroos (13.) sogar im Ansatz einige Torchancen. Doch spätestens ab der 20. Minute dominierte nur noch eine Mannschaft: Italien. Die DFB-Auswahl fand weder Rhythmus noch Spielfluss, wirkte völlig desorientiert und zeitweise hilflos. Durch den Verzicht auf Offensivspieler auf den Außenbahnen hingen der erneut fleißige Ozil und der bemitleidenswerte Stürmer Gomez, der überhaupt keine Anspiele bekam, völlig in der Luft.

Die von Minute zu Minute steigende und fast körperlich spürbare Verunsicherung in der deutschen Mannschaft führte schließlich zu haarsträubenden individuellen Fehlern im Defensivverhalten. In der 20. Minute fiel Hummels auf der rechten Abwehrseite auf eine simple Körpertäuschung von Cassano herein und dessen Flanke köpfte Balotelli beinahe unbedrängt aus acht Metern zum 1:0 ins Netz.

Die DFB-Elf wirkte nun wie paralysiert, unfähig zu agieren oder auch nur zu reagieren. Durch die Aufstellung aller ihrer Stärken beraubt (Mittelfeld-Dominanz, schnelles und variables Angriffsspiel), hatte die Squadra azzurra leichtes Spiel. Einen weiten Ball von Montolivo nahm erneut Balotelli auf und hämmerte das Leder aus 22 Metern zum 2:0 in den Torwinkel (36.). In dieser Szene stand Lahm zentral allein gegen den bulligen Stürmer, weil beide Innenverteidiger gleichzeitig (!) zu weit aufgerückt waren.

Auch die Einwechslung von Reus, Klose und Müller in der zweiten Halbzeit konnte dem Spiel keine Wendung mehr geben. Italien ließ mit einer starken mannschaftlichen Leistung, umsichtig dirigiert vom überragenden Pirlo, nichts mehr anbrennen. Deutschland hatte zwar optische Feldvorteile und kam auf 14:0 Eckbälle, aber die großen Chancen hatten die blitzschnell konternden Italiener. Marchisio (75.), Diamanti (78.) und di Natale (82.) hätten, jeweils völlig frei vor dem Tor, das Ergebnis locker in peinliche Dimensionen schrauben können. Demgegenüber stand nur eine einzige echte deutsche Chance durch einen Freistoß von Reus, den Buffon an die Latte lenkte (61.). In der Nachspielzeit kam Deutschland noch durch einen zweifelhaften Handelfmeter, den Balzaretti verursacht hatte, durch Özil zum Ehrentor (90.+2).

Nur wenn die deutsche Mannschaft ihre Stärken hätte ausspielen können, wäre an diesem Tag ein Sieg über Italien möglich gewesen. Doch in dieser personellen Formation stand die DFB-Elf praktisch von der ersten Minute an auf verlorenem Posten. Beste Spieler in einer nicht funktionierenden Mannschaft waren Khedira und Reus.

Deutschland: Neuer – Boateng (71. Müller), Hummels, Badstuber, Lahm – Schweinsteiger, Khedira – Kroos, Özil, Podolski (46. Reus) – Gomez (46. Klose)
Italien: Buffon – Balzaretti, Barzagli, Bonucci, Chiellini – Pirlo, de Rossi – Marchisio, Montolivo (64. Thiago Motta) – Balotelli (70. di Natale), Cassano (58. Diamanti)
Tore: 0:1 (20.) Balotelli, 0:2 (36.) Balotelli, 1:2 (90.+2) Özil (Handelfmeter)
Schiedsrichter: Stephane Lannoy (Frankreich)
Zuschauer: 56.000
Gelbe Karten: Hummels / Bonucci, Balotelli, de Rossi, Thiago Motta

STATISTIK:

  • Im 31. Länderspiel gegen Italien seit 1923 kassierte Deutschland die 15. Niederlage (bei 7 Siegen und 9 Unentschieden).
  • Der letzte Sieg gegen Italien gelang am 21. Juni 1995 in Zürich (2:0), danach blieb die DFB-Auswahl sechs Spiele sieglos (vier Niederlagen, zwei Unentschieden); in den vergangenen 25 Jahren gab es in 11 Begegnungen überhaupt nur zwei deutsche Siege.
  • Deutschland gewann noch keines seiner acht Pflichtspiele auf FIFA- oder UEFA-Ebene gegen Italien. Die vorherigen Resultate:
    04.7.2006: Deutschland – Italien 0:2 n.V. (WM-Halbfinale)
    19.6.1996: Italien – Deutschland 0:0 (EM-Vorrunde)
    10.6.1988: Deutschland – Italien 1:1 (EM-Vorrunde)
    11.7.1982: Italien – Deutschland 3:1 (WM-Endspiel)
    14.6.1978: Italien – Deutschland 0:0 (WM-Zwischenrunde)
    17.6.1970: Italien – Deutschland 4:3 n.V. (WM-Halbfinale)
    31.5.1962: Italien – Deutschland 0:0 (WM-Vorrunde)
  • Deutschland trug zum 5. Mal seit 1934 ein Länderspiel in Warschau aus. Die Bilanz: drei Siege, ein Unentschieden, eine Niederlage.
  • Es war das dritte Spiel gegen Italien bei einer EM-Endrunde. Die vorherigen Ergebnisse:
    19.6.1996 in Manchester: Italien – Deutschland 0:0 (EM-Vorrunde)
    10.6.1988 in Düsseldorf: Deutschland – Italien 1:1 (EM-Vorrunde)
  • Die DFB-Auswahl stand zum 7. Mal in einem EM-Halbfinale und verlor zum 2. Mal. Die vorherigen Ergebnisse:
    14.6.1972 in Antwerpen: Belgien – Deutschland 1:2
    17.6.1976 in Belgrad: Jugoslawien – Deutschland 2:4
    21.6.1988 in Hamburg: Deutschland – Niederlande 1:2
    21.6.1992 in Stockholm: Schweden – Deutschland 2:3
    26.6.1996 in London: England – Deutschland 1:1 (Deutschland siegt im Elfmeterschießen)
    25.6.2008 in Basel: Deutschland – Türkei 3:2
    1980 wurde kein Halbfinale ausgetragen. 1984, 2000 und 2004 war Deutschland vorzeitig ausgeschieden.
  • Frühere Länderspiele am 28. Juni:
    28.6.1958 in Göteborg: Frankreich – Deutschland 6:3 (WM-Spiel um Platz 3)