868: Deutschland – Schweden 4:4

(Dienstag, 16. Oktober 2012)
Die Siegesserie der deutschen Nationalmannschaft in EM- und WM-Qualifikationsspielen ist gerissen. Nach zuletzt 13 Erfolgen hintereinander kam die DFB-Auswahl im WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden über ein 4:4 (3:0) nicht hinaus. 72.000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion erlebten einen denkwürdigen Abend mit einem kuriosen Spielverlauf, wie es ihn in der deutschen Länderspielgeschichte noch nicht gegeben hat.

Gegenüber dem Irland-Spiel vor vier Tagen war das Team auf zwei Positionen verändert. Kapitän Lahm kehrte nach abgesessener Gelbsperre für den verletzten Schmelzer auf die linke Außenverteidigerposition zurück, Kroos ersetzte im defensiven Mittelfeld den verletzten Khedira.

Deutschland knüpfte nahtlos an die herausragende Leistung des Irland-Spiels an. Mit spritzigem und ideenreichem Angriffsspiel sowie einer konzentrierten Defensivleistung wurden die Schweden von Beginn an unter Druck gesetzt. Bereits in der 2. Minute hatte Müller die Führung auf dem Fuß, doch sein von Olsson abgefälschter Schuss aus Nahdistanz klatschte an den Pfosten. In der 8. Minute die deutsche 1:0-Führung: Nach hervorragender Vorarbeit von Reus auf dem linken Flügel hämmerte Klose den Ball aus acht Metern mit dem linken Fuß per Direktabnahme unter die Latte. Sieben Minuten später fast eine Kopie des ersten Tores. Nach doppeltem Doppelpass mit Özil war Reus auf dem linken Flügel frei und seine Hereingabe stocherte Klose im Nachsetzen zum 2:0 über die Linie (15.).

Danach schaltete die DFB-Elf gleich mehrere Gänge zurück und wartete auf eine Reaktion des Gegners. Doch die Tre Kronors brauchten bis zur 25. Minute, ehe sie sich von dem Schock der Gegentore halbwegs erholt hatten. Die Gäste erspielten sich jetzt eine leichte Überlegenheit, begünstigt durch die Passivität des deutschen Teams, ohne allerdings zwingende Torchancen herausspielen zu können. Im Gegenteil: Bei jeder deutschen Tempoverschärfung waren die Skandinavier völlig überfordert. Nach Linksflanke von Reus und Kopfballvorlage von Müller erhöhte Mertesacker aus sieben Metern zum 3:0 (39.). Glück allerdings, dass Schiedsrichter Proenca in dieser Szene ein vorhergehendes Handspiel von Klose übersehen hatte.

Im zweiten Spielabschnitt wurde Schweden etwas munterer, aber die Großchancen hatte weiterhin Deutschland. So scheiterte Müller (51.) freistehend an Torhüter Isaksson. Wenige Minuten später war das Match praktisch entschieden. Özil erhöhte per Direktabnahme nach Flanke von Müller auf 4:0 (55.). Bis dahin war es eine grandiose Vorstellung der DFB-Auswahl, ohne jedes Manko.

Was danach geschah, ist nur schwer in Worte zu fassen. Die deutsche Mannschaft stellte im Gefühl des sicheren Sieges das Fußballspielen komplett ein – und wurde dafür in der letzten halben Stunde bitter bestraft. Nach dem 4:1-Anschlusstor durch Ibrahimovics Kopfball nach Flanke des eingewechselten Källström (62.) zerfiel das Team in seine Einzelteile. Viele Spieler, vor allem Schweinsteiger, Kroos, Lahm, Badstuber und Mertesacker agierten von einer Minute auf die andere so, als hätten sie noch nie zuvor einen Ball gesehen. Es spielten sich in der deutschen Hälfte zum Teil groteske Szenen ab. Blanke, nackte Panik breitete sich aus.

Die Gäste spürten das und setzten nach. Lustig schoss den Ball nach Steilpass von Källström Torhüter Neuer zum 4:2 durch die Beine (64.). Einen Flankenlauf von Kacaniklic auf der linken Seite vollendete Elmander zum 4:3 (76.). In der 85. Minute ließ Neuer einen sicher geglaubten Ball aus den Händen gleiten, Ibrahimovic legte zurück auf Sana, doch der verfehlte das leere Tor. In der Nachspielzeit schließlich gelang Elm (90.+3) der 4:4-Ausgleich, der zuvor bereits in jeder Sekunde in der Luft lag.

Die deutsche Nationalmannschaft, die eine Stunde lang mit einer Weltklasseleistung begeisterte, wurde in der Schlussphase von einem von großer Moral beseelten schwedischen Team förmlich überrannt. Und hatte dem nichts, aber auch rein gar nichts entgegenzusetzen. Hätte das Match auch nur fünf Minuten länger gedauert, die deutsche Elf hätte mit ziemlicher Sicherheit noch verloren.

Die DFB-Auswahl scheiterte, wie schon im EM-Halbfinale vor vier Monaten, an ihrer labilen Psyche. Diese Mannschaft ist zu allem fähig – positiv wie negativ.

Deutschland: Neuer – Boateng, Mertesacker, Badstuber, Lahm – Kroos, Schweinsteiger – Müller (67. Götze), Özil, Reus (88. Podolski) – Klose
Schweden: Isaksson – Lustig, Granqvist, Olsson, Safari – Wernbloom (46. Källström), Holmen (46. Kacaniklic) – Larsson (78. Sana), Ibrahimovic, Elm – Elmander
Tore: 1:0 (8.) Klose, 2:0 (15.) Klose, 3:0 (39.) Mertesacker, 4:0 (55.) Özil, 4:1 (62.) Ibrahimovic, 4:2 (64.) Lustig, 4:3 (76.) Elmander, 4:4 (90.+3) Elm
Schiedsrichter: Pedro Proenca (Portugal)
Zuschauer: 72.000
Gelbe Karten: Reus, Lahm, Schweinsteiger / Isaksson

STATISTIK:

  • Im 35. Länderspiel gegen Schweden seit 1911 spielte die deutsche Nationalmannschaft zum neunten Mal Unentschieden, bei 14 Siegen und zwölf Niederlagen.
  • Zum 44. Mal seit 1908 war Berlin Austragungsort eines Länderspiels der deutschen Nationalmannschaft. Die Bilanz: 18 Siege, 15 Unentschieden, 11 Niederlagen.
    Von den letzten 22 Begegnungen im Olympiastadion seit 1958 verlor die deutsche Nationalmannschaft allerdings nur zwei: 0:1 gegen Brasilien am 16. Juni 1973 und 1:2 gegen England am 19. November 2008. Nur ein einziges Pflichtspiel verlor das deutsche Team in Berlin: 0:2 gegen Norwegen am 7. August 1936 bei den Olympischen Spielen.
  • Deutschland ist seit 34 Jahren gegen Schweden in zehn Spielen ungeschlagen (fünf Siege, fünf Unentschieden).
  • Auch im fünften Anlauf gelang der DFB-Auswahl kein Sieg über Schweden in Berlin. Zuvor hatten die Tre Kronors in der deutschen Hauptstadt noch nicht verloren; sie kamen zu zwei Siegen (4:1 am 31. August 1924 und 3:2 am 20. September 1942) und zwei Unentschieden (jeweils 1:1 am 4. November 1964 und am 31. März 1988).
  • Die Siegesserie der DFB-Auswahl in Qualifikationsspielen zu großen Turnieren (EM und WM) ist gerissen. 13 Siege in Folge hatte die Nationalmannschaft seit 2009 eingefahren.
  • Seit 29 WM- und EM-Qualifikationsspielen (23 Siege, sechs Unentschieden) ist die Nationalmannschaft unbesiegt. Die letzte Niederlage gab es in der EM-Qualifikation am 17. Oktober 2007 in München gegen Tschechien (0:3).
  • Noch niemals in ihrer Länderspielgeschichte verspielte die deutsche Nationalmannschaft eine Vier-Tore-Führung.
  • Der Treffer von Elmander zum 4:3 war das 400. Heimspiel-Gegentor für die deutsche Nationalmannschaft.
  • Holger Badstuber kam zu seinem 30. Länderspieleinsatz.
  • Mit seinem 105. Länderspiel zog Lukas Podolski in der ewigen Nationalspieler-Rangliste mit Jürgen Kohler auf Platz 4 gleich.
  • Frühere Länderspiele am 16. Oktober:
    16.10.2002 in Hannover: Deutschland – Färöer 2:1 (EM-Qualifikation)
    16.10.1991 in Nürnberg: Deutschland – Wales 4:1 (EM-Qualifikation)
    16.10.1985 in Stuttgart: Deutschland – Portugal 0:1 (WM-Qualifikation)
    16.10.1954 in Hannover: Deutschland – Frankreich 1:3 (Freundschaftsspiel)
    16.10.1910 in Kleve: Deutschland – Niederlande 1:2 (Freundschaftsspiel)