889: Deutschland – Algerien 2:1 (n.V.)

(Montag, 30. Juni 2014)
Deutschland hat zum 14. Mal seit 1934 das Viertelfinale einer Fußball-Weltmeisterschaft erreicht. Vor 43.000 Zuschauern im Stadion Beira-Rio in Porto Alegre besiegte die DFB-Auswahl im Achtelfinale nach hartem Kampf Algerien mit 2:1 (0:0, 0:0) nach Verlängerung.

Für den erkrankten Hummels rückte Boateng in die Innenverteidigung, Mustafi verteidigte auf der rechten Seite. Im Mittelfeld erhielt erneut Schweinsteiger den Vorzug vor Khedira. Für den angeschlagenen Podolski rückte Götze ins Team.

Die deutsche Mannschaft übernahm in den ersten Minuten das Kommando, war um Ballbesitz bemüht, während sich Algerien weit in die eigene Hälfte zurückzog und auf schnelle Konter lauerte. Algeriens Konzept ging deutlich besser auf. Schon in der 9. Minute musste Torhüter Neuer erstmals Kopf und Kragen riskieren, um weit außerhalb des Strafraums gegen Slimani zu klären. In dieser Phase leistete sich die deutsche Mannschaft zu viele Ballverluste in der Vorwärtsbewegung und agierte sehr nervös.

Ein 20-Meter-Linksschuss von Schweinsteiger war das erste deutsche Lebenszeichen in der Offensive (14.). Im Gegenzug spielte Feghouli die deutsche Abwehr schwindelig, verzog aber aus spitzem Winkel knapp. Glück für Deutschland in der 17. Minute, dass Slimani bei seinem herrlichen Kopfballtor knapp im Abseits stand. Und das fröhliche Scheibenschießen der Algerier gegen die zunehmend konfusere deutsche Mannschaft hielt an: Ghoulam verfehlte das Tor von der linken Strafraumgrenze haarscharf (18.).

In der DFB-Elf war in der ersten halben Stunde kaum Laufbereitschaft zu erkennen, abgerundet wurde die schwache Vorstellung durch eine Vielzahl technischer Fehler und Missverständnisse. Algerien konterte die DFB-Elf nach Belieben aus, da das deutsche Mittelfeld überhaupt nicht stattfand.

Die erste klare deutsche Torchance ergab sich in der 41. Minute: Einen Distanzschuss von Kroos ließ Torhüter M’Bolhi abprallen, Götze war allerdings nicht kaltschnäuzig genug, um den Nachschuss zu verwerten. Die mit Abstand erfreulichste Tatsache an der ersten Halbzeit war aus deutscher Sicht das Ergebnis von 0:0.

Der Bundestrainer reagierte auf die desolate Vorstellung seiner Mannschaft in den ersten 45 Minuten und brachte Schürrle für den enttäuschenden Götze. Schürrle initiierte auch die beiden ersten vielversprechenden Angriffsaktionen der zweiten Halbzeit, kam jedoch nicht zum Abschluss. In der 55. Minute parierte M’Bolhi einen fulminanten 20-Meter-Schuss von Lahm mit einer Glanzparade.

Die DFB-Auswahl erhöhte jetzt den Druck, vor allem durch den agilen Schürrle über die rechte Seite, fand aber im Angriff einfach kein Mittel gegen die glänzend organisierte algerische Abwehr. Auch nach über einer Stunde Spielzeit setzten die Algerier das deutsche Mittelfeld mit aggressivem Forechecking unter Druck, so dass Kroos und Schweinsteiger keine klaren Pässe in die Spitze zustande brachten. Der bemühte Özil verlor nahezu jeden Zweikampf.

Algerien konterte Mitte der zweiten Halbzeit nicht mehr so überfallartig und zielstrebig wie zu Beginn des Spiels, blieb aber dank der vielen Stellungsfehler in der deutschen Rückwärtsbewegung immer gefährlich.

Dennoch bot sich der DFB-Elf in der 80. Minute die 100-prozentige Siegchance: Nach einer Flanke von Khedira kam Müller aus 8 Metern völlig frei zum Kopfball, Torhüter M’Bolhi parierte allerdings glänzend. In der 82. Minute stand Müller erneut frei, schob den Ball jedoch überhastet am Tor vorbei. Geradezu bezeichnend für die deutsche Hilflosigkeit war ein in bester Slapstick-Manier ausgeführter Freistoß von Özil und Müller in der 88. Minute. Eine Minute später hatte Schweinsteiger per Kopf erneut die Möglichkeit zur Führung, war aber ebenfalls im Abschluss nicht entschlossen genug.

Trotz deutlicher Leistungssteigerung der deutschen Elf im zweiten Durchgang reichte es nicht mehr zum Siegtreffer, so dass beide Teams in die Verlängerung mussten. Eine großartige Einzelleistung von Müller leitete in der 92. Minute die deutsche Führung ein: Seine flache Hereingabe nach unwiderstehlichem Antritt vollendete Schürrle artistisch mit der Hacke zum 1:0. Eine klare Konterchance vertändelte Özil leichtfertig (96.) Nach einem Querschläger von Khedira hatte Mostefa den Ausgleich auf dem Fuß, verzog aber überhastet (102.).

In der zweiten Hälfte der Verlängerung verlegte sich die deutsche Mannschaft auf das Halten des Resultats, ließ aber gegen die kräftemäßig stark abbauenden Algerier eine Vielzahl bester Kontergelegenheiten liegen. Erst Özil erzielte im Nachschuss das erlösende 2:0 (119.). In der Nachspielzeit gelang Algerien durch Djabou noch das 2:1 (120.+1), doch dieser Treffer kam zu spät.

Die deutsche Mannschaft musste für diesen Sieg über einen taktisch, technisch und läuferisch erstklassigen Gegner hart arbeiten und hatte auch das notwendige Quentchen Glück. Torhüter Neuer spielte mehrfach mit hohem Risiko außerhalb seines Strafraums und avancierte dadurch zu einem der Matchwinner. In der Offensive war Schürrle ein deutlich belebendes Element. Die Hereinnahme des laufstarken Khedira wirkte ebenso stabilisierend auf das deutsche Defensivverhalten wie die Neubesetzung der Rechtsverteidigerposition durch Lahm nach Mustafis verletzungsbedingtem Ausscheiden.

Deutschland: Neuer – Mustafi, (70. Khedira), Mertesacker, Boateng, Höwedes – Lahm, Schweinsteiger (109. Kramer) – Özil, Kroos, Götze (46. Schürrle) – Müller
Algerien: M’Bolhi – Mandi, Belkalem, Halliche (98. Bougherra), Ghoulam – Mostefa, Taider (78. Brahimi), Lacen – Feghouli, Soudani (100. Djabou) – Slimani
Tore: 1:0 (92.) Schürrle, 2:0 (119.) Özil, 2:1 (120.+1) Djabou
Schiedsrichter: Sandro Ricci (Brasilien)
Zuschauer: 43.000
Gelbe Karten: Lahm / Halliche

STATISTIK:

  • Im dritten Anlauf seit 1964 gelang Deutschland gegen Algerien der erste Länderspielsieg. Die beiden vorhergehenden Länderspiele wurden verloren: 0:2 am 1. Januar 1964 in Algier und 1:2 in der WM-Vorrunde 1982 in Gijon.
  • Nur gegen 8 Nationen weist die DFB-Auswahl eine negative Länderspielbilanz auf: England (12 Siege – 6 Unentschieden – 15 Niederlagen), Italien (7-10-15), Frankreich (8-6-11), Brasilien (4-5-12), Argentinien (6-5-9), Algerien (1-0-2), Ägypten (0-0-1) und die DDR (0-0-1).
  • Zum zweiten Mal trug die DFB-Auswahl ein Länderspiel in Porto Alegre aus. Am 16. Dezember 1992 gab es dort gegen Brasilien eine 1:3-Niederlage.
  • Für Deutschland war es der 8. Sieg hintereinander in einem WM-Achtelfinale seit 1986.
  • Zum ersten Mal nach 44 Jahren gewann Deutschland wieder eine Verlängerung bei einer Weltmeisterschaft. Zuletzt war dies im Viertelfinale der WM 1970 gegen England gelungen (3:2 n.V. am 14. Juni 1970 in Leon).
  • Kapitän Philipp Lahm kam zu seinem 110. Länderspieleinsatz.
  • Frühere Länderspiele am 30. Juni:
    30.6.2006 in Berlin: Deutschland – Argentinien 1:1 (WM-Viertelfinale)
    30.6.2002 in Yokohama: Deutschland – Brasilien 0:2 (WM-Endspiel)
    30.6.1996 in London: Deutschland – Tschechien 2:1 (EM-Endspiel)
    30.6.1974 in Düsseldorf: Deutschland – Schweden 4:2 (WM-Zwischenrunde)
    30.6.1971 in Kopenhagen: Dänemark – Deutschland 1:3 (Freundschaftsspiel)
    30.6.1956 in Stockholm: Schweden – Deutschland 2:2 (Freundschaftsspiel)
    30.6.1954 in Basel: Deutschland – Österreich 6:1 (WM-Halbfinale)
    30.6.1935 in Stockholm: Schweden – Deutschland 3:1 (Freundschaftsspiel)

(tc)