917: Frankreich – Deutschland 2:0

(Donnerstag, 7. Juli 2016) Deutschland hat den 7. Finaleinzug bei einer Fußball-Europameisterschaft nach 1972, 1976, 1980, 1992, 1996 und 2008 verpasst. Im Halbfinale der EM 2016 unterlag der amtierende Weltmeister vor 64.000 Zuschauern im Stade Velodrome in Marseille Gastgeber Frankreich verdient mit 0:2 (0:1).

Im Duell mit dem Turnierfavoriten war Bundestrainer Löw zu personellen Umstellungen gezwungen. Mit Hummels (Gelbsperre) sowie Gomez und Khedira (beide verletzt) fielen drei Spieler aus, die fünf Tage zuvor gegen Italien noch mit von der Partie waren. Sie wurden durch Höwedes, Can und Draxler ersetzt. Taktisch stellte Löw damit auf ein nominell eher defensiv ausgerichtetes 4-3-3-System um.

Von der ersten Sekunde an setzte die Equipe tricolore die deutsche Mannschaft mit agressivem Forechecking unter enormen Druck. Nach einer sehenswerten Ball-Stafette rettete Torhüter Neuer mit den Fingerspitzen gegen einen Flachschuss von Griezmann (7.). Deutschland gewann in den ersten Minuten kaum Zweikämpfe. Erst nach etwa zehn Minuten gelang es, einigermaßen Ruhe und Ordnung ins Spiel zu bringen. Nach 13 Minuten hatte die DFB-Auswahl ihre erste nennenswerte Offensivaktion zu verzeichnen: Nach einer Rechtsflanke von Can, schoss Müller den Ball im Fallen knapp vorbei. Eine Minute später rettete Keeper Lloris mit einer Glanzparade gegen Cans Aufsetzer aus zwölf Metern (14.).

Nach einer Viertelstunde zog sich Frankreich, die derzeit vielleicht weltbeste Kontermannschaft, mehr und mehr in die eigene Spielhälfte zurück und lauerte auf ihre Chancen im schnellen Umschaltspiel. Nach 21 Minuten hätte es Elfmeter für Deutschland geben können, als Kroos nach einem Doppelpass in den Strafraum eindrang und zu Fall gebracht wurde, doch der Pfiff blieb aus. Ein 30-Meter-Freistoß von Payet war eine sichere Beute von Neuer (24.). Auf der anderen Seite lenkte Lloris einen Schweinsteiger-Distanzschuss mit den Fingerspitzen über die Latte.

Das Tempo blieb auch nach einer halben Stunde auf beiden Seiten unverändert hoch. Deutschland hatte in dieser Phase wesentlich mehr Spielanteile, konnte sich aber offensiv nicht zwingend in Szene setzen. Nach einer Kimmich-Flanke versprang Draxler und Müller am Fünfmeterraum der Ball (32.). Der insgesamt sehr konzentriert auftretenden deutschen Mannschaft mangelte es in der ersten Halbzeit vor allem an Tempo im Angriffsspiel. Speziell über die Außenbahnen kamen zu wenig Bälle in den französischen Strafraum.

Die letzten zehn Minuten des ersten Durchgangs gehörten wieder den Gastgebern. Eine „Schwalbe“ von Griezmann ahndete Schiedsrichter Rizzoli mit einer Verwarnung für Can. Der Freistoß von Pogba aus 25 Metern (37.) war für Neuer kein Problem. Aus spitzem Winkel traf Griezmann nur das Außennetz (41.). Gegen den frei durchlaufenden Giroud rettete Höwedes mit einem lehrbuchreifen Tackling (42.).

Die Vorentscheidung in diesem engen Match fiel in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit. Schweinsteiger unterlief nach einem Eckball ein ungeschicktes Handspiel im Strafraum. Griezmann verwandelte den Elfmeter sicher zum 1:0 (45.+2).

Beflügelt von der Führung drängte Frankreich zu Beginn der zweiten Halbzeit auf die Entscheidung. Das gelang zwar zunächst nicht, aber die Equipe tricolore hatte jetzt die im Angriff absolut einfallslose DFB-Elf sicher im Griff. Auch weil „Les Bleus“ weiterhin so gut wie alle wichtigen Zweikämpfe gewannen. Mit ihrem gemächlichen Ballbesitzfußball gelang es der deutschen Mannschaft bis zur 60. Minute nicht, auch nur eine einzige halbwegs brauchbare Torchance herauszuspielen.

Nach einer Stunde sanken die deutschen Hoffnungen auf den Nullpunkt, als Boateng mit einer Oberschenkelverletzung ausgewechselt werden musste. Frankreich war zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht mehr gefordert und wartete geduldig auf die tödliche Kontersituation.

In der 72. Minute war es dann so weit: Kimmich unterlief im eigenen Strafraum ein Stockfehler, Pogba tanzte Mustafi aus, Neuer wehrte die Flanke zu kurz ab und der überragende Griezmann spitzelte die Kugel in bester Abstaubermanier aus kurzer Distanz zum 2:0 über die Linie.

Außer einem Verzweiflungsschuss von Kimmich (74.), der den Pfosten streifte, und einer Handvoll weiterer „Halbchancen“ hatte die deutsche Mannschaft nichts mehr anzubieten und verlor am Ende die Partie hochverdient. Der Weltmeister war bemüht, blieb aber im Angriff ohne jede Durchschlagskraft.

Spätestens in diesem Spiel zeigte sich, dass es der deutschen Nationalmannschaft insgesamt in der Offensive an Qualität fehlt, um weitere Titel gewinnen zu können. Griezmann allein war weitaus stärker und effektiver als die gesamte deutsche Offensivabteilung zusammen.

Frankreich: Lloris – Sagna, Koscielny, Umtiti, Evra – Pogba, Matuidi – Sissoko, Griezmann (90.+1 Cabaye), Payet (71. Kante) – Giroud (78. Gignac)
Deutschland: Neuer – Kimmich, Boateng (61. Mustafi), Höwedes, Hector – Can (67. Götze), Kroos, Schweinsteiger (79. Sane) – Özil, Müller, Draxler
Tore: 1:0 (45.+2) Griezmann (Handelfmeter), 2:0 (72.) Griezmann
Schiedsrichter: Nicola Rizzoli (Italien)
Zuschauer: 64.000
Gelbe Karten: Evra, Kante / Can, Schweinsteiger, Özil, Draxler

STATISTIK:

  • Zum 28. Mal seit 1931 standen sich Deutschland und Frankreich in einem Länderspiel gegenüber. Die Bilanz aus deutscher Sicht ist negativ: 9 Siege, 6 Unentschieden, 13 Niederlagen.
  • Zum zweiten Mal nach 1968 (1:1 gegen Frankreich) bestritt die DFB-Auswahl ein Länderspiel in Marseille.
  • Zum dritten Mal nach 1988 und 2012 verlor Deutschland das Halbfinale bei einer Europameisterschaft.
  • Für Deutschland war es im 917. Länderspiel die 200. Niederlage.
  • Bastian Schweinsteiger absolvierte sein 120. Länderspiel, Benedikt Höwedes kam zu seinem 40. Einsatz, Jonas Hector trug zum 20. Mal den Nationalmannschaftsdress.
  • Frühere Länderspiele am 7. Juli:
    7.7.2010 in Durban: Deutschland – Spanien 0:1 (WM-Halbfinale)
    7.7.1974 in München: Deutschland – Niederlande 2:1 (WM-Endspiel)

(tc)